Editorial der Ausgabe 2019/03
Vom Aussterben bedroht…

Das Ausmaß des Artensterbens sei in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß gewesen wie heute und die Aussterberate nehme weiter zu. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern sind jedoch im Verlauf der Evolution rund 500 Millionen Tierarten ausgestorben. Da relativieren sich die aktuellen Diskussionen rund um den Artenschutzbericht der UN doch ein wenig. Was jedoch stimmt ist, dass in vielen Fällen die Tiere ihren natürlichen Lebensraum verloren haben.

Was hat das mit der Modellbahn oder besser mit der Eisenbahn im Allgemeinen zu tun, werden Sie sich fragen. Tiere gehören zur Eisenbahn irgendwie dazu. Gemeint sind nicht Schafe, Schweine oder Rindviecher als Ladegut, sondern die Lokomotiven selbst.

Begonnen hat alles mit den ersten Zügen, die mit „Dampfrössern“ bespannt waren. Der Gedanke von einer mit Pferden bespannten Kutsche auf einen Zug mit „Dampfmaschinenpferd“ zu kommen, ist leicht nachzuvollziehen. Begriffe wie Kamel oder Krokodil bedürfen da schon etwas mehr der Erklärung.

Der Mensch hat die Eigenart, Dinge zu fabulieren. Da werden Aussehen, Geräusche oder Stärke mit tierischen Eigenschaften gleichgesetzt. So wurden aus den starken Bündner C‘C‘- Lokomotiven, den Ge 6/6 I-E-Loks der RhB, wegen ihrer Form, die berühmten „Krokodile“. Es gibt sogar eine deutsche Regelspurversion mit dem gleichen Spitznamen. Aus Fahrzeugen der vierachsigen DR-Baureihe- V-100-Serie wurden sechsachsige Meterspurfahrzeuge, die durch den Umbau zur Baureihe 199 erheblich an Stabilität verloren hatten und im Fahrbetrieb schwanken wie Kamele beim Wüstenritt. Schnell hatten die durchgeschaukelten Lokführer den Namen „Harzkamel“ für diese Maschinen auserkoren.

Ob Spitzmaus, Schwarzer Schwan, Steppenpferd, Ochsenlok, Teckel, Bulle, Laubfrosch, Springbock, Eisenschwein, Blauer Bock, Rabbit, Taurus oder Stier, die Liste ließe sich fast unendlich weiterführen. Manche Fahrzeuge wie der Wismarer Schienenbus bekamen gleich mehrere Kosenamen. Neben dem bekanntesten, Schweineschnäuzchen, ist er auch als Ameisenbär oder Spitzmaus anzutreffen.

Um nun auf den anfänglich angeführten Artenschutz zurückzukommen, viele dieser Tierchen sind ebenfalls vom Aussterben bedroht. Wenn der natürliche Lebensraum einer kleinen Dampflok schrumpft, wird diese Art immer mehr dezimiert werden. Wenn es nur noch wenige gibt, besteht praktisch kaum mehr eine Chance für das Überleben der Art. Auf der biologischen Seite stellt sich das Problem so dar, dass sich die wenigen lebenden Tiere vermehren, ohne dass sich das Erbgut durchmischen kann. Die Folge sind Erbkrankheiten. Bei unseren stählernen Tierchen sind es die wenigen verbliebenen Ersatzteile, die das Aussterben der Art vorantreiben.

Museen und Lokomotiven-Werke landauf landab geben ihr Bestes, um aus den wenigen erhaltenen Fahrzeugen, unter Neuherstellung von Teilen fahrtüchtige Schienenfahrzeuge zu schaffen. Leider ist das irgendwann nur noch mit unsäglich hohem Aufwand zu schaffen. Da hilft eigentlich nur noch, auf den Genpool, sprich alte Pläne, zurückzugreifen, um eine Lok oder einen Triebwagen neu erstehen zu lassen, wie es zum Beispiel bei der sächsischen Ik geschehen ist. Damit die Kamele, Krokodile oder Dackel zumindest in der Erinnerung weiterleben können, ist es eine gute Sache, wenn diese als Modelle auf der Gartenbahn ihre Runden drehen. Gibt es beim Vorbild meistens nur noch eine oder zwei Maschinen einer Art, so sind diese, nicht nur in 1:22,5, auf hunderten Modellbahnen zu sehen – und das freut uns.

Ihr „volldampf“-Team

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