Editorial der Ausgabe 2014/03
Modellpolitik

Hurra, endlich soll die lang ersehnte Lokomotive, der ewig gesuchte Wagen, der Decoder oder bestimmte Figuren in der Groß- oder Kleinserie erscheinen. Die diversen „Communitys“ diskutieren landauf, landab über die geplante Umsetzung und die Spezialisten fechten sich mit denen, die es gerne sein wollen, über jedes noch so kleine Detail. So gehen die Monate, ja sogar die Jahre, ins Land.

An dieser Stelle fragen wir uns, was die Hersteller mit dieser „Modellpolitik“ bezwecken, denn anders als Politik kann man das nicht mehr nennen. Die älteren unter uns erinnern sich, dass ein Modell zur Internationalen Spielwarenmesse vorgestellt wurde und dann auch unverzüglich beim Händler zu haben war. Lange ist es her...

Hinterfragt man das Vorgehen, so verheimlichen die Hersteller nicht, das sie auf diese Weise Markforschung betreiben. Ist das Modell gewünscht, wie ist die Stückzahl einzuschätzen, wo liegen die speziellen Wünsche der Kunden? Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist der berühmte „Schuss vor den Bug“, den ein Hersteller dem anderen zu geben versucht: „Schau her, wir wollen dieses Modell bauen, da brauchst du gar nicht erst anzufangen.“

Erst wenn die Hersteller eine befriedigende Rückmeldung erhalten, gelangt das Fahrzeug in die Produktion. Hier beginnt das eigentliche Risiko der Firmen. Viele Stunden gehen in die Vermessung des Originals und in die Umsetzung in ein Modell. Zwischenschritte werden veröffentlicht und der „hetzenden Meute“ vorgeworfen. Es wird bemängelt, korrigiert, gelobt und entschuldigt, wenn ein Detail nicht wie erwartet umsetzbar ist. Die kalkulierten Kosten laufen oftmals aus dem Ruder, aber der erste unwiderrufliche Schritt, der Formenbau, wurde bereits gemacht.

Irgendwann steht dann das fertige Produkt im Laden. Schlecht umgesetzt, viel zu teuer, funktioniert nicht. Die Fangemeinde holt zum nächsten Stoß aus. Wieder wird diskutiert, entschuldigt und nachgebessert. Die Kostenschraube dreht noch ein wenig tiefer hinein und der Hersteller weiß genau, wie viele Varianten er bauen muss, um irgendwann schwarze Zahlen zu schreiben.

Ist das nicht alle äußerst unbefriedigend? Nein, wir wollen es ja so. Das Internet hat die Art und Weise, wie wir mit Informationen umgehen, grundlegend verändert. Früher waren wir mit dem zufrieden, was wir erfahren haben. Heute haschen wir jeder Information hinterher. Dabei bleibt zwar der Wahrheitsgehalt und der gute Ton oftmals auf der Strecke, aber was zählt ist der vermeintliche Wissensvorsprung. Das nutzen Marketingexperten gerne aus und deshalb werden wir weiterhin mit kleinen Häppchen angefüttert.

Letztendlich findet man die Produkte auf unseren Gartenbahnen, zumeist in den Stückzahlen, die sich der Hersteller vorgestellt hat. Das ist gut so, denn nur dann kann die Spirale von neuem beginnen und wir können in Zukunft mit neuen Loks, Wagen, Decodern oder Figuren rechnen, über die wir dann berichten und über die Sie sich dann freuen.

Ihr „volldampf“-Team

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